Finnland

Finnland – Schweiz, was ist anders?

Neben den Fakten und Bildern über Finnland will ich euch nun auch über die kleinen Unterschiede und Herausforderungen, über die ich bis jetzt in meinem neuen Alltag gestolpert bin, berichten.

  • Sprache: Wahrscheinlich das Offensichtlichste. Ich konnte vielleicht 10 Wörter Finnisch, als ich hier ankam. Die ersten Tage, vielleicht sogar Wochen, war ich abends immer total K.O. Es ist einfach unglaublich anstrengend für das Hirn, die ganze Zeit Leute reden zu hören und kein einziges Wort zu verstehen. Man gewöhnt sich dran und mittlerweile kann ich sogar meistens herausfinden, über was gerade gesprochen wird. Und ein Vorteil ist, dass ich immer weiss, wenn jemand mit mir spricht oder wenn es etwas wichtiges zu besprechen gibt. Dann wird nämlich Englisch gesprochen.
  • Wald: Etwas, was ich schon wusste, mich aber trotzdem noch überrascht hat, ist, dass es hier überall Bäume gibt. Sogar wenn ich die 10 Minuten von meiner vorübergehenden Schule im MBI Gebäude zur Hauptschule zurücklege, führt der Weg durch ein kleines Wäldchen. MERKE: Meine Schule ist in Helsinki!
    Die Wälder selbst sind auch ein bisschen anders; es gibt sehr viele Birken und überall findet man wilde Heidelbeeren.
  • Essenszeiten: In Finnland isst man schon recht früh zu Mittag. In meiner Schule heisst das um 11:10 oder 11:30. Das und der Fakt, dass das Schulessen meistens nach nichts schmeckt führt dazu, dass man nach der Schule, also etwa um 16:00 Uhr, schon wieder Hunger hat und anstelle eines Snacks gibt es dann bereits Abendbrot. Weil man aber auch in Finnland nicht schon um 7 schlafen geht, isst man nochmals einen Snack vor dem zu Bett gehen. Das nennt man „iltapalla“ und normalerweise isst man ähnliche Dinge wie zum Frühstück.
  • ÖV: Bis jetzt bin ich erst Zug und Bus gefahren, die Metro kann ich also noch nicht bewerten. Das System an sich funktioniert eigentlich ganz gut, wenn man den Dreh dann mal raus hat. Jeder kauft sich eine HSL (Abkürzung von „Helsingin Seudun Liikenne“ = „Verkehr der Region Helsinki“) Karte oder man kauft sein Ticket online. Auf der Karte ist entweder ein Guthaben, wenn man jedes Mal am Schalter im Bus ein Ticket kaufen will, oder Zeit (z.B. 1 Monat). Die Region um Helsinki ist in 4 Zonen eingeteilt: A, B, C und D. Man kauft sich ein Ticket für die Zonen, in denen man sich bewegt. Dabei kann man nur „D“ als Einzelzone kaufen, sonst ist es immer mindestens „AB“, „BC“ oder „AC“, da „D“ die grösste Zone ist (am weitesten vom Stadtzentrum entfernt).
    Jetzt zu der Sache, die ich anfangs nicht ganz verstanden habe. Es gibt blaue und orange Busse. In die blauen Busse muss man immer durch die vorderste Tür beim Fahrer einsteigen, aussteigen kann man aber überall. Der Grund dafür ist, dass man dem Fahrer sein digitales Billett zeigen muss oder seine HSL-Karte an das Lesegerät halten muss, bis es ein Piep-Geräusch von sich gibt. An diesem Gerät kann man sich auch Anschluss Billette kaufen, wenn man vorher beim Kiosk Guthaben auf seine HSL-Karte geladen hat. In den orangen Bussen muss man nichts dergleichen tun. Man steigt einfach irgendwo ein und vielleicht 1 Mal im Jahr kommt ein Kontrolleur, der nach den Billetten fragt.

    Jetzt meine Geschichte dazu:
    Ich wurde vorgewarnt, dass man in den Bussen irgendwie sein Billett zeigen muss. Ich dachte mir also; mach einfach das, was die vor dir machen. An sich keine schlechte Idee, allerdings hatte ich Pech und die einzige vor mir hatte ein online Ticket auf ihrem Handy. Sie hat also einfach dem Fahrer den Bildschirm gezeigt und ist weitergelaufen. Ich tat das Gleiche mit meiner HSL-Karte, die man ja aber eigentlich an das Lesegerät halten muss. Der Fahrer rief mir nach: „Odatta!“ und ich blieb sofort stehen, denn das war eines der wenigen Wörter meines neuen Hundebesitzerwortschatzes: „Warte!“
    Es war mir etwas peinlich, aber es hätte deutlich schlimmer sein können. Grosses Dankeschön an den Hund meiner Gastfamilie! 🙂
  • Hund: Wenn wir schon beim Thema Hund sind, das ist natürlich auch ein deutlicher Unterschied zu meinem Leben in der Schweiz. Ich gebe zu, dass ich sehr froh darüber bin, dass ich nur für die Sauberkeit meines eigenen Zimmers verantwortlich bin, aber die Haare (sie sind wirklich überall!) sind ziemlich das Einzige, was ich manchmal für etwas nervig empfinde. Vielleicht ändert sich das noch, wenn die Temperatur draussen in den Minusbereich fällt, im Moment zählen die Spaziergänge aber noch zu meinem Tages-Highlight.
  • Schule: Natürlich ist auch die Schule etwas anders. Ich gehe auf die Französisch-Finnische Schule in Helsinki, was eigentlich keine typische High-School ist. Mein Französisch ist etwas eingerostet und ab der High School werden keine Fächer, ausser natürlich Französisch, mehr auf Französisch unterrichtet. In dieser Hinsicht ist es doch gleich wie auf jeder normalen High School in Finnland, nämlich auf Finnisch. Französisch hätte ich dann doch noch besser verstanden…
    Der ansonsten grösste Unterschied ist, dass man jeden seiner Kurse selbst wählen kann. Man kann also seinen Stundenplan ziemlich selber gestalten. Das Schuljahr ist 6-Wöchige Perioden eingeteilt. Die 6. Woche ist jeweils eine Prüfungswoche, wo man ausser einer Prüfung zu jedem gewählten Fach keinen Unterricht hat. Die Prüfungswoche fängt aber eigentlich schon am Donnerstag der 5. Woche an, da es 7 Tage sind. Man hat meistens nicht jeden Tag eine Prüfung, deshalb gibt es auch freie Tage dazwischen. Für mich gilt das sowieso, da ich nur in wenigen Fächern wirklich die Prüfungen mitschreibe. Für die meisten Anderen habe ich einen Spezialauftrag.
    Da man seine Kurse selber wählen kann, bleibt man auch nicht die ganze Zeit in einer Klasse, sondern die Leute wechseln in jedem Fach.
    Die Lektionen sind nicht 45, sondern 75 Minuten lang!
    Und das Schulessen ist gratis (es schmeckt es aber auch so).
  • Haarföhn: Vielleicht bin das nur ich, aber ich habe in diesem Land noch nirgendwo einen anständigen Haarföhn gefunden. Meine Gastfamilie besitzt kein Exemplar und nicht mal im Hallenbad gibt es etwas anständiges. Da konnte ich nur so eine Art Haube finden, aber wie in aller Welt soll ich so meine ganzen Haare trocken bekommen?! Ich meine im Moment geht’s ja noch, aber im Winter bei -15° laufe ich nicht mit Eisklötzen auf meinem Kopf herum!

–> Update: Meine Gastfamilie besitzt doch einen Haarföhn, aber niemand benutzt ihn je, deshalb befindet er sich irgendwo in den Tiefen des Badezimmerschrankes.

  • Wäsche: Ich habe mit meiner Gastmutter abgesprochen, dass ich hier meine Wäsche selber wasche. Wir finden das beide am Besten so und es stört mich auch überhaupt nicht. Ich habe allerdings noch nicht unendlich viel Erfahrung in diesem Bereich und musste schon auf etwas unangenehme Weise herausfinden, dass grün auf jeden Fall nicht weiss ist. (auch hellgrün nicht!)
  • Ampeln: Das hat jetzt nicht direkt einen Einfluss auf mein tägliches Leben hier, aber mir ist doch aufgefallen, dass es auch in der Verkehrsregelung ein paar kleine Unterschiede gibt. Wenn man zum Beispiel an einer Fussgängerampel steht und den Knopf drückt, fängt es an zu Piepen. Langsam für rot, schneller für grün und unregelmässig, wenn nur noch wenige Sekunden bleiben, bis es wieder Rot wird. Ich kann mir vorstellen, dass das vor allem für seebeeinträchtigte Menschen sehr hilfreich ist.
    Auch die Ampeln für Autos sind etwas anders. Es gibt zusätzlich zu den „normalen“ Ampeln rechts und links immer noch eine dritte auf der Kreuzung gegenüber, sodass auch der vorderste Fahrer keine Akrobatiknummer hinlegen muss, um zu sehen, wann es Grün wird. Ich halte das für sehr praktisch, viel besser als noch eine dritte Ampel oben aufzuhängen, wie es in der Schweiz häufig der Fall ist, denn die Fahrer hinten merken doch sowieso wenn es grün ist, weil die Autos vor ihnen dann fahren.
  • Küchenwaage: Niemand kocht mit Küchenwaage. Die Rezepte sind so geschrieben, dass man alles mit Massbecher oder sonst irgendwie abmessen kann, aber man braucht nie eine Küchenwaage für ein Finnisches Rezept. Ich muss also auch meine Schweizer Rezepte irgendwie ohne Waage hinbekommen, denn natürlich hat man auch keine, wenn man sie sowieso nie braucht.
  • Babys: Habt ihr gewusst, dass Finnen ihre Babys nach draussen stellen, damit sie ihre Schläfchen dort machen? Eine frisch gebackene Mutter hat mir erklärt, dass die Babys nach eigener Erfahrung viel besser schlafen, wenn es draussen etwas kälter ist. Natürlich sind die Kleinen immer gut eingepackt in ihrem Kinderwagen, aber es muss dann schon unter minus 20 Grad sein, dass man sie zum Schlafen reinholt. In der Nacht schlafen sie natürlich immer im Haus damit man hört, wenn etwas ist. Am Tag stellt man den Wagen auch so hin, dass man ihn im Blick hat.
    Mich hat diese Tradition erst ein bisschen überrascht, aber jetzt kann ich mir wirklich vorstellen, dass die Babys das mögen.

(5) Kommentare

  1. Mola sagt:

    Liebe Norah 🤗
    Was für ein einmalig spannender und amüsanter Bericht 😘😘
    Du hast meine Gedanken gelesen, denn heute wollte ich dich genau diese Feinheiten im andern Land fragen 😂❤️❤️❤️

  2. Fiona sagt:

    Ich ha gmeint in Finnland gits kei Prüefige? Zumindest isch das im Dokumentarfilm woni übers finnische Schuelsystem gseh ha so gsi 🤷🏻‍♀️
    Isch uf jede Fall sehr spannend! 😚

    1. Chan sie, dass es i normale Schuele nüm überall Prüefige git aber ich bin ja i dere französische wo sowieso alles chli andersch isch🤷🏻‍♀️😅

  3. Omi sagt:

    Wald: Der eine sieht nur Bäume, dicht an dicht
    du aber sicher…… Zwischenräume und das Licht
    🌲🌲🌞🌲🌲🌞🌲🌲🌲🌲🌞🌞🌲🌲🌲🌲🌲
    Danke Norah

  4. Mola sagt:

    Zu dem Bild mit ‚die Babys rausstellen zum Schlafen’…. meine Mama hat das mit mir auch gemacht und ich mit Robin auch 🙂

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